Vollgas bei Tempo 270 Km/h
Wenn Rotglühende Ventile mit aller Wucht hunderte Male pro Sekunde auf ihren Sitz knallen, Kolben unter der last von Tonnen ächzen und der Hinterreifen fast am schmelzen ist, dann läuft der ganz normale Wahnsinn: Vollgas bei Tempo 270!!
Den lauen Sonntagmorgen hatte sich die kleine Motte anders vorgestellt. Auf dem Heimweg vom Lichterfest geriet das Tierchen - schwups - in die Nüstern eines fürchterlichen Raubtiers. Verzweifelt klammerte es sich an einem Gitter fest, doch die Strömung riss es erbarmungslos mit. Die Motte fand ihr Ende in den Waben des Luftfilters.
Von derlei Dramen ahnt Boris J. nichts. Geduckt hinter der Verkleidung seiner schnittigen GSYZR-1000, einem Vierzylinder-Supersportmotorrad mit 160 PS aus einem Liter Hubraum, gibt er Vollgas, 270 km/h stehen auf der Uhr, die Welt fliegt mit 75 Metern in der Sekunde an ihm vorüber. Logisch, dass unsere kleine Motte dieser Gewalt nicht gewachsen war. Stehen die Drosselklappen bei 12000/min auf Durchzug, verschwindet bei modernen, leistungsstarken 1000er Vierzylinder gut 100 Liter Luft pro Sekunde im Ram-Air-Schlund, werden vom Luftfilter penibel gereinigt, in der Airbox auf vier Einlasskanäle verteilt und zischen am Engpass zwischen Ventilteller und Ventilsitz mit Überschallgeschwindigkeit in die Zylinder. Dass heißt: schneller als 330 Meter pro Sekunde oder 1188 km/h.
Hurtig hurtig das Ganze!! Muss aber so sein, denn für jeden Einlasstakt stehen nur ziemlich genau drei Tausendstel Sekunden zur Verfügung. Eigentlich nicht vorstellbar, aber Realität.
Randvoll mit Benzin-Luft-Gemisch befüllt, rammt der Kolben im Verdichtungstakt die explosive Ladung innerhalb von 2,5 Tausendstel-Sekunden auf etwa ein Zwölftel seines Volumens zusammen, macht rechnerisch zwölf bar, wegen des Temperaturanstiegs des Frischgases ist der Druck aber deutlich höher. Allein durch den Kompressionsvorgang und die Umgebungstemperatur von Kanälen, Brennraum und Zylindern erhitzt sich das Gemisch auf rund 500 Grad Celsius, bevor es kurz vor dem oberen Totpunkt durch den aufs Grad genau zündenden Funken zur Explosion gebracht wird. Im Brennraum steigt die Temperatur schlagartig auf 3000C°, der Druck auf Kolben, Kolbenringe, Zylinderkopfdichtung und Ventile auf 90 bar. Anschaulicher ausgedrückt: Die Kraft auf den 73 Millimeter großen Kolben sowie das Pleuel mitsamt Kurbelwelle beträgt ziemlich exakt 3,7 Tonnen. Soviel wiegt ein voll beladener Kleintransporter. Kein Wunder, dass sich der Kolbenbolzen unter einer solchen Last um 25 tausendstel Millimeter durchbiegt. Selbst die Seitenkraft, mit der der Kolben als Folge des schräg stehenden Pleuels an die Zylinderwand gepresst wird, erreicht im Arbeitstakt 2000 Newton, was einer Gewichtskraft von 200 Kilogramm entspricht. Noch bevor der Kolben den unteren Totpunkt erreicht hat, öffnen die Auslassventile, das Inferno beginnt abzuebben, der Arbeitsdruck bricht zusammen.

